Nach vielen Jahren der Krise erlebt das 1894 gegründete Sinfonie Orchester Meilen endlich eine langanhaltende Blütezeit. Zum 125. Jubiläum darf sich das SOM deshalb über den Kulturpreis der Mittwochgesellschaft Meilen freuen.

Miriam Schild — Früher war alles besser, so sagt man oft. Im Falle des Sinfonie Orchester Meilen SOM trifft das nicht zu. Das am rechten Zürichseeufer beheimatete Ensemble feiert dieses Jahr sein 125-jähriges Bestehen – und ist besser aufgestellt denn je. 1894 von 13 Musikfreunden als «Orchesterverein Meilen» gegründet, zählt das SOM heute rund 50 feste Mitglieder und beschäftigt eine professionelle Konzertmeisterin. «Neben engagierten Laienmusikerinnen und –musikern spielen auch einige Instrumentallehrpersonen der lokalen Musikschule unentgeltlich bei uns mit», erklärt SOM-Präsidentin und Oboistin Tina Calonder bei einem Probenbesuch der EOV-Redaktion. «Diese Unterstützung schätzen wir sehr.»

In der Anfangszeit veranstaltete das kleine Ensemble in Meilen «Orchester-Kränzchen» mit anschliessendem Tanz und Unterhaltung und trat in Restaurants auf, um Geld zu beschaffen. In den folgenden Jahrzehnten durchlebte das Orchester, teilweise parallel zur Weltgeschichte, zahlreiche Krisen. Es mangelte an Mitspielenden, an Geld und an der Zuverlässigkeit und Disziplin der Mitglieder. Ein Bussenreglement aus der Zeit um 1900 verrät, dass Orchestermitglieder nicht nur Proben schwänzten, sondern sogar Konzerten unentschuldigt fernblieben. Die Situation besserte sich erst in den 1970er Jahren nachhaltig.

Fester Konzertrhythmus und Konzertreisen

Heute muss das SOM nicht mehr mit Bussen drohen, damit die Orchestermitglieder jeden Montagabend zur Probe kommen. Und statt unregelmässig in Beizen aufzuspielen, hat das Sinfonieorchester einen festen Konzertrhythmus etabliert. Dazu gehören ein «Frühlingskonzert mit jungen Preisträgern», eine «Serenade» mit leichter Unterhaltungsmusik im Frühsommer und ein grosses «Winterkonzert» mit anspruchsvollem Programm und einem fixen Auftritt innerhalb der Konzertreihe «Konzertzirkel» in Egg ZH.

Ergänzt werden diese regelmässigen Auftritte durch verschiedene Sonderprojekte. So unternahm das SOM im vergangenen September anlässlich seines Jubiläums eine Konzertreise nach Baden-Baden. Zum Jahreswechsel 2007/2008 wurde das SOM zusammen mit dem Geiger Alexandre Dubach gar zu einer Tournee nach China eingeladen.

Eine familiäre Atmosphäre und kein Streit

Den Erfolg der letzten Jahrzehnte habe das SOM zu einem grossen Teil seinem Dirigenten Kemal Akçag zu verdanken, so Tina Calonder. Akçag, der die Leitung des SOM 1995 übernahm, konnte auf der professionellen Arbeit seiner Vorgänger aufbauen, hat das Orchester aber noch entscheidend weitergebracht. «Er hat die Begabung, die Musik so auszuwählen, dass sie genau zu den Fähigkeiten der Musikerinnen und Musiker passt, sowie das Können, das Orchester in den Proben zu motivieren, alles aus sich herauszuholen, um bis zum Konzert eine tolle Interpretation zu erarbeiten», würdigt das SOM die Arbeit seines langjährigen Dirigenten in einer Pressemitteilung.

Auch Kemal Akçag schwärmt von seinem Orchester. «Seit ich vor 24 Jahren die Orchesterleitung übernahm, gab es nicht ein einziges Mal Streit. Menschlich haben wir überhaupt keine Probleme», so Akçag, der von 1978 bis 1999 Geiger im Tonhalle-Orchester Zürich war. Die produktive, familiäre Atmosphäre motiviere ihn, mit dem SOM auch weiterhin qualitativ hochstehende Konzertprogramme einzustudieren.

Festband und Kulturpreis

Das SOM feiert sein 125. Jubiläum nicht nur mit zahlreichen musikalischen Höhepunkten. Ein Team um Präsidentin Tina Calonder hat im Jubiläumsjahr die Vereinsgeschichte akribisch recherchiert und in einem ansprechenden, mit zahlreichen Abbildungen von Quellendokumenten ausgestatteten Festband dargestellt.

Der unermüdliche Einsatz des SOM für die Musik und für das Kulturleben in Meilen bleibt nicht unbelohnt: Zum 125. Geburtstag erhält das Sinfonieorchester den mit 10 000 Franken dotierten Kulturpreis der Mittwochgesellschaft Meilen. «Diese Auszeichnung ist für uns eine wichtige Anerkennung. Sie spornt uns an, so weiterzumachen», freut sich Calonder. Ein Ende des Höhenflugs des SOM ist nicht in Sicht.

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